Sortenempfehlungen Wintergerste Herbst 2022

Sortenversuch Wintergerste Bieswang

Sortenversuchsfeld

Wintergerste wichtigstes Kraftfutter für die Tierhaltung

Wintergerste stellt in Mittelfranken nach Winterweizen die zweitwichtigste Getreideart dar und liefert zugleich den größten Teil des Kraftfutters für die tierische Veredelung. In Milchvieh haltenden Betrieben ist auch das Gerstenstroh zur Verfütterung und als Einstreu sehr begehrt.
Die für Mittelfranken relevanten Landessortenversuche zu Wintergerste stehen in Rudolzhofen und in Bieswang.

Standort Rudolzhofen

Der Versuch in Rudolzhofen (Uffenheimer Gau, Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim) wurde infolge der späten Silomaisernte erst am 7.10.2021 pfluglos in ein grob-krümeliges, mit Maisstoppeln durchsetztes Saatbett gesät. Der Bestand lief zügig und einigermaßen gleichmäßig auf, entwickelte sich dann aufgrund der extremen Trockenheit jedoch nur zögerlich weiter, so dass er vor Winter maximal den Bestockungsbeginn erreichte.

Im Frühling litt die Gerste sichtlich unter den häufigen Nachtfrösten im April und unter Trockenheit. Auch die wegen der Lage in einem Roten Gebiet auf 105 kg/ha reduzierte Stickstoff-Düngemenge bremste die Entwicklung etwas ein, so dass am Ende nur eine unterdurchschnittliche Bestandesdichte vorlag. Der Mai verlief warm und relativ trocken; der Bestand konnte jedoch noch von den Niederschlägen des April zehren und entwickelte sich sehr schön.

Dank des kühlen Aprils und der Trockenheit im März und im Mai konnten sich die typischen Blattkrankheiten Zwergrost, Netzflecken und Rhynchosporium kaum etablieren. Witterungsbedingt war der Infektionsdruck durch den Komplex aus nichtparasitären Blattverbräunungen/Ramularia sehr hoch. Dessen Ausbruch konnte jedoch durch die einmalige Fungizidmaßnahme in Stufe 2 mit einer Folpet-haltigen Fungizidkombination deutlich verzögert werden.

Dank der trockenen und zügigen Abreife im Juni spielte Ährenknicken durchwegs kaum eine Rolle. Das im mehrzeiligen Sortiment sortenspezifisch etwas stärker auftretende Halmknicken wurde durch die zweimalige Anwendung von Wachstumsreglern in Stufe 2 nahezu gänzlich vermieden.

Der bei der Ernte am 6.7.2022 bei den zweizeiligen Sorten erzielte Durchschnittsertrag von 88,2 dt/ha in der unbehandelten Stufe 1 und 93,0 dt/ha in der mit Wachstumsreglern und Fungiziden behandelten Stufe 2 übertraf den mehrjährigen Durchschnittsertrag dieses Standortes um 5 dt/ha. Der höhere Pflanzenschutzaufwand in Stufe 2 verursachte einen Mindererlös von 67 €/ha. Die mehrzeiligen Sorten erreichten mit 86,5 dt/ha in Stufe 1 und 89,6 dt/ha in Stufe 2 exakt den mehrjährigen Durchschnittsertrag. Auch sie dankten jedoch die höhere Intensität in Stufe 2 nicht; denn diese führte zu einem Mindererlös in Höhe von 96 €/ha. Sowohl die nur geringe Ertragsdifferenz von nur 5 bzw. 3 dt/ha zwischen Stufe 1 und Stufe 2 als auch das diesmal etwas schwächere Ergebnis der mehrzeiligen Sorten gegenüber den zweizeiligen lassen sich durch die heißen Junitage, gepaart mit extremer Trockenheit, erklären, die einerseits den zunächst deutlichen optischen Effekt der Fungizidmaßnahme und andererseits auch den bei langsamerer Abreife gegebenen Vorteil der mehrzeiligen Sorten relativierten.

Standort Bieswang

Am Standort Bieswang (auf dem Jura, Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen) wurde der Versuch am 24.9.2021 in ein gepflügtes Saatbett nach Vorfrucht Winterweizen gesät. Der Bestand lief gleichmäßig und schön auf und ging gut bestockt in den Winter. Analog zu Rudolzhofen, litt die Gerste auch auf dem Jura-Standort erheblich unter der extremen Trockenheit im März und im Mai und unter der reduzierten Stickstoff-Düngung aufgrund der Lage in einem Roten Gebiet.

Einige zum Teil sehr frostige Nächte im April verursachten in einzelnen Sorten leichte Erfrierungen, die sich aber ertraglich nicht ausgewirkt haben dürften. Insgesamt waren die Bestandesdichten auch am Standort Bieswang etwas zu niedrig. Die in Stufe 1 mit reduzierter Aufwandmenge durchgeführte Wachstumsregler-Behandlung vermochte das Auftreten von Halmknicken nicht ausreichend zu verhindern. Erst die in Stufe 2 verwendete praxisübliche Aufwandmenge erwies sich bei den meisten Sorten als ausreichend.

Während bei den zweizeiligen Sorten Rhynchosporium nur eine mäßige Rolle spielte, der Komplex aus nichtparasitären Blattverbräunungen/Ramularia aber stärker in Erscheinung trat, war die Situation im mehrzeiligen Sortiment genau umgekehrt. In beiden Fällen zeigte die einmalige Fungizidmaßnahme mit einer Folpet-haltigen Kombination in Stufe 2 jedoch eine sehr gute Wirkung.

Bei der Ernte am 5.7.2022 lagen die Erträge in beiden Sortimenten auf nahezu gleichem Niveau: Die zweizeiligen Sorten lieferten in Stufe 1 durchschnittlich 87,6 dt/ha und in Stufe 2 durchschnittlich 94,0 dt/ha, womit der mehrjährige Ertragsdurchschnitt dieses Standortes um 1 dt/ha unterschritten wurde. Bei den mehrzeiligen Sorten enttäuschte das Ergebnis von durchschnittlich 88,1 dt/ha in Stufe 1 und 94,3 dt/ha in Stufe 2 angesichts des mehrjährigen Ertragsdurchschnittes von 98 dt/ha etwas. Auch hier hatte die schnelle Abreife ihre Spuren hinterlassen. Die jeweiligen Mehrerträge in Stufe 2 reichten nicht ganz aus, um die höheren Kosten für Wachstumsregler und Fungizide zu decken. Rechnerisch entstanden dadurch Mindererlöse von 2 €/ha bei den zweizeiligen und 4 €/ha bei den mehrzeiligen Sorten.

Folgende Sorten werden zum Anbau in Mittelfranken empfohlen, wobei diese Sorten alle resistent gegen den Gelbmosaikvirus-Typ 1 sind:

Sandra (Bauer/IG Pflanzenzucht)
Die altbewährte Sorte erreicht ertraglich nun regelmäßig nicht mehr den Durchschnitt des Prüfsortiments. Sie überzeugt jedoch weiterhin mit ihrer guten bis sehr guten Kornqualität, ihrem großen Korn sowie dem hohen Tausendkorn- und Hektolitergewicht, was eine Empfehlung weiterhin rechtfertigt. Beim gezielten Anbau für die Vermarktung können diese Parameter in Jahren wie dem vorigen – mit allgemein schlechter Sortierung und niedrigem Hektolitergewicht – nämlich entscheidend sein. Sandra ist mittel bis gut standfest, aber anfälliger für Blattverbräunungen und Zwergrost.
SU Ruzena (Ackermann/Saaten-Union)
Auch SU Ruzena schnitt heuer an den beiden regionalen Standorten unterdurchschnittlich ab und gehört somit auch überregional und mehrjährig eher zu den schwächeren Sorten, wenngleich sie am Standort Rudolzhofen im Vorjahr deutlich überdurchschnittliche Erträge lieferte. Sie erreicht eine durchschnittliche Kornqualität, ist gut durchschnittlich standfest und – bis auf Rhynchosporium – gegen alle Blattkrankheiten gut durchschnittlich resistent. Nur für Blattverbräunungen ist sie etwas anfälliger. Zu beachten ist auch die stärkere Neigung zum Ährenknicken. Eine Behandlung mit einem Ethephon-haltigen Wachstumsregler auf das Fahnenblatt kann daher sinnvoll sein. SU Ruzena ist dankbar für eine Betonung der 1. N-Gabe.
KWS Moselle (KWS Lochow)
Ertraglich liegt KWS Moselle sowohl an den regionalen Versuchsstandorten als auch überregional und mehrjährig nach wie vor auf hohem Niveau. Kornqualität, Reifezeit und Standfestigkeit sind durchschnittlich. Die bewährte Sorte ist gesund bei Mehltau und Zwergrost, gut durchschnittlich resistent gegen Netzflecken und Rhynchosporium und etwas anfälliger für Blattverbräunungen.
Valhalla (Ackermann/Hauptsaaten)
Die heuer sowohl im Anbaugebiet "Fränkische Platten" (AG 21) als auch im Anbaugebiet "Jura/Hügelland" (AG 23) erstmals empfohlene Sorte brachte am Standort Rudolzhofen nach einem sehr guten Ergebnis im Vorjahr heuer einen weit unterdurchschnittlichen Ertrag. Am Standort Bieswang war der Ertrag heuer sehr gut. Überregional und auch mehrjährig liegt Valhalla aber in beiden Anbaugebieten genau im Durchschnitt des Sortiments. Positiv ist die als leicht überdurchschnittlich eingestufte Standfestigkeit. Bei den übrigen Eigenschaften unterscheidet sie sich kaum von den bisherigen Empfehlungssorten. Der Züchter empfiehlt eine Saatstärke von 300-360 Körnern/m².
Bordeaux (Ackermann/Saaten-Union)
Die neuere Sorte konnte heuer an beiden regionalen Versuchsstandorten nicht ganz die sehr guten Erträge des vorigen Jahres halten. Überregional und mehrjährig liegt sie aber immer noch im Durchschnitt des Sortiments. Bordeaux erreicht eine gut durchschnittliche Kornqualität, ist gut durchschnittlich standfest, hat eine mittlere Reifezeit und neigt wenig zum Ährenknicken. Ihre Anfälligkeit für Mehltau und Zwergrost ist durchschnittlich, jene für Blattverbräunungen etwas erhöht.
Begrenzt empfohlen werden:
Valerie (Breun/Limagrain)
Die auch gegen den Gelbmosaikvirus-Typ 2 resistente Sorte schnitt heuer am Standort Rudolzhofen sehr gut ab, nachdem sie im Vorjahr nur ein unterdurchschnittliches Ergebnis lieferte. Am Standort Bieswang schwankt sie ertraglich um den Durchschnitt des Sortiments. Überregional liegt sie heuer leicht über, mehrjährig jedoch deutlich unter dem Durchschnitt. Zu beachten sind ihre hohe Anfälligkeit für Blattverbräunungen und Zwergrost und die nur durchschnittliche Einstufung beim Ährenknicken. Die Sorte liefert gute Kornqualitäten. Gegen Mehltau und Rhynchosporium ist Valerie überdurchschnittlich resistent, aber durchschnittlich anfällig für Netzflecken und durchschnittlich standfest. Valerie sollte nur auf Flächen angebaut werden, auf denen Probleme mit dem Gelbmosaikvirus-Typ 2 bestehen, da ansonsten die Resistenz gebrochen werden könnte, noch ehe der Typ 2 auftritt.
KWS Somerset (KWS Lochow)
KWS Somerset wird speziell als Winterbraugerste empfohlen. Ertraglich liegt die Sorten meist um ca. 10 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt. KWS Somerset verfügt über eine gut durchschnittliche Kornqualität. Sie ist gegen Mehltau, Zwergrost und Blattverbräunungen gut durchschnittlich resistent.
KWS Higgins (KWS Lochow)
KWS Higgins liefert konstant gut durchschnittliche Kornerträge, jedoch bei leicht unterdurchschnittlicher Kornqualität. Ihre Schwäche liegt in der Standfestigkeit. Die Blattgesundheit ist bei Mehltau gut, bei Netzflecken, Rhynchosporium und nichtparasitären Blattverbräunungen durchschnittlich. Besonderes Augenmerk ist jedoch auf Zwergrost zu legen. Bei frühem Befall kann eine Fungizid-Vorlage zusammen mit einer Wachstumsregler-Behandlung in der frühen Schossphase notwendig sein.
Esprit (DSV)
Esprit wird heuer erstmals für beide Anbaugebiete empfohlen und zeigt sich über beide Standorte und Anbaugebiete ein- wie auch mehrjährig ertragsstark und erzielte am Standort Bieswang heuer sogar ein Spitzenergebnis. Die etwas später abreifende Sorte ist – abgesehen von Zwergrost – recht blattgesund, neigt weniger zum Ährenknicken und gehört mit der Einstufung „durchschnittlich“ beim Parameter Standfestigkeit zu den besseren Sorten unter den Mehrzeilern. Die Kornqualität ist leicht unterdurchschnittlich. Der Züchter empfiehlt eine Saatstärke von 280-330 Körnern/m².
Begrenzt empfohlen wird:
SU Midnight (Borries-Eckendorf/Saaten-Union)
Die auch gegen den Gelbmosaikvirus-Typ 2 resistente, heuer erstmals empfohlene Sorte brachte im feuchten Jahr 2021 am Standort Rudolzhofen ein hervorragendes, im Trockenjahr 2022 aber ein unterdurchschnittliches Ergebnis. Überregional liegt sie mehrjährig im Durchschnitt des Sortimentes und dürfte somit als sogenannte doppeltresistente Sorte auf den typischen Virusstandorten im Gipskeupergebiet deutlich besser abschneiden als alle anderen empfohlenen Sorten. SU Midnight verfügt außerdem über eine gut durchschnittliche Standfestigkeit und ist wenig anfällig für Mehltau. Die Empfehlung gilt nur für das Anbaugebiet „Fränkische Platten“ (AG 21). Als Saatstärke empfiehlt der Züchter 230-300 Körner/m².
Sortenspezifische Anbauhinweise (z. B. zur Saatstärke) zu den schon länger empfohlenen Wintergersten-Sorten stehen im aktuellen Versuchsberichtsheft "Integrierter Pflanzenbau" ("Grünes Heft") auf den Seiten 28 und 29.

Informationen der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL)